Ein letztes Mal ins Abenteuer

Zum Frühstück teilen wir uns die letzten sechs Toastbrotscheiben und Erdnussbutter. Dann machen wir uns auf den Weg ins Ungewisse. Der nächste Shop ist angeblich in 20km. Wenn wir Glück haben stimmt das und der Shop hat sogar offen. Ansonsten müssen wir durchhalten. 40km lang. Strampeln, schwitzen und von dem bisschen Erdnussbutter leben das noch übrig ist. 40 km. Bei diesen Steigungen. In dieser Hitze. Da bedeuten 40km einen ganzen Tag. Auch unser Wasservorrat neigt sich dem Ende zu. Was solls, wir haben jetzt nicht viel Wahlmöglichkeiten. Auf in die Sättel!!

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Die Berge sind noch in Nebel eingehüllt. Erst langsam durchbrechen Sonnenstrahlen die morgendliche Wolkenschicht. Danach sticht die Sonne uns dafür umso unerbitterlicher. Eine dicke klatschnasse Schweissschicht bedeckt unseren Körper. Durstige Fliegen waten durch den schweissigen Sumpf auf unseren Armen. Noch reicht unsere Energie um sie zu verscheuchen. Wenig beeindruckt von den hilflosen Fuchteleien wechseln die Fliegen zum Unterschenkel und wieder zurück auf die Arme. Aaaahh!!

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Während kurzen erholsamen Abfahrten zwischendurch trocknet der wohltuende Fahrtwind unsere Haut. Viel zu schnell stehen wir wieder im gnadenlosen Anstieg. Fliegen begleiten uns. Wie schön. Keine Luftbewegung. Kein noch so kleiner Hauch. Die Sonne brennt. Die Fahrbahn glüht. Bäume werfen Schatten. Aber nie auf die Fahrbahn. Neidische und gierige Blicke treffen die schattenverwöhnten Büsche.

Wir sind Glückspilze!! Da wartet wirklich ein Shop auf uns!! Kalte Zuckergetränke, frische Paradeiser und Toastbrot. Wir sind im Paradies! Die Fliegen auch. Jetzt sitzen wir endlich still.

Gestärkt und mit vollem Wasservorrat geht es weiter. Gegen die Hitze. Gegen die Schwerkraft. Alles wird zum Gegner. Nur die Musik ist mit uns. Melodien und Worte schieben uns Kurve um Kurve den Berg empor.

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Wolken türmen sich auf. Der Himmel wird dunkler. Große schwere Tropfen schlagen einzeln in Boden und Oberschenkel. Der spätnachmittägliche Regenschauer beginnt. Schnell werden die Tropfen mehr, durchtränken unsere T-Shirts und bringen die Straße zum Dampfen. Kein Schlupfloch in Sicht. Auch nach der nächsten Kurve nicht. Nichts zum Unterstellen. Rein gar nichts. Mittlerweile ist es eh egal. Wir tropfen von Kinn und Nase. Genussvoll stellen sich all die kleinen Härchen auf. Es ist kalt. Was für ein Gefühl!

Ziemlich nass und kalt erreichen wir den Pass. Eine Moschee empfängt uns. Mit Duschen! Wer hätte das gedacht?! Kaltes Wasser wäscht unsere kalte Haut. Spült den Regen, die Reste von Schweiss, Sonnencreme und Staub ab. Ein unglaubliches Erlebnis! Auch wenn es kalt ist.

Nach einer erholsamen kühlen Nacht am Berg, nutzen wir die praktischen Sanitäranlagen der Moschee ein letztes Mal. Unser stinkendes (ok, das ist eigentlich gewaltig untertrieben) Radgewand erhält eine Wäsche. Frisch duftend in nassen Hosen und Leiberln rollen wir den Cameron Highlands entgegen.

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Friedlich, in Gedanken versunken strampeln wir einen erneuten Anstieg hoch. Zack! Bum! Ein riesiges dunkles Killerinsekt stürzt sich auf Claudi hinab. Zielstrebig landet es auf ihrem unschuldigen Hals und haut seinen spitzen Stachel tief ins Fleisch. AU!! Panisch fuchtelt das Ofer des Attentats. Das Insekt ist längst verschwunden. Claudi wiegt sich in Sicherheit uns versorgt die Stichwunde mit kühlenden Ölen. Zack! Stich!! Das Killerinsekt schlägt erneut zu. Diesmal greift es die hilflose Schläfe an. AUUU!! Noch panischer als zuvor fuchteln Claudis Arme. Sonnenhut und Sonnenbrille landen am Boden. Und das Insekt. Angsterfüllt riskiert Claudi einen Blick. Eine Riesenwespe? Ihr Fuß ist schneller als die biologische Klarheit. Quetsch. Es war einmal eine angriffslustige.. was auch immer. Jetzt ist es drei geteilt. Zwei Stiche reichen. Über Nacht schwillt das linke Auge vollständig zu. Morgendliches einäugiges Radeln bis zum erlösenden Frühstück mit Eiswürfelpackung aufs Auge folgt. Langsam, sehr langsam schwillt das Auge, die Wange und der Hals wieder ab. Am Nachmittag ist bereits zweiäugiges Radeln drin. Am Abend sieht das Gesicht wieder halbwegs menschlich aus.

Mittlerweile sind wir mittendrin in der berühmten Touristenattraktion Cameron Highlands. Diese besteht vor allem aus Glashäusern, die die Berghänge überziehen. Aus hässlichen Dörfern mit Souvenierläden und überdachten Lavendelfarmen. Aus teuren Erdbeerländern, Orchideenhallen und Teeplantagen. Ok, die Teeplantagen sind ja irgendwie auch beeindruckend und auf ihre Weise schön. Der Rest ist uns ein Rätsel.

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Erst die Abfahrt auf die Westseite Malaysiens raubt uns den Atem. Diesmal nicht wegen der Anstrengung. Es geht ja bergab. 😉 Wilder Jungel umringt uns. Unterschiedlichste Palmen wachsen der Sonne entgegen. Dazwischen ragen von Efeu und Farnen bewachsene Laubbäume in den Himmel. Farnblätter, die breiter sind als unsere Armspanne, strecken sich aus der Böschung in die Freiheit. Vogelstimmen ertönen. Affenschreie mischen sich dazu. Ein Bach plätschert unter dem Dickicht. Je tiefer wir rollen, desto wärmer und feuchter wird die Luft. Kühle Bergluft ade. Die Schwüle umarmt uns wieder. All diese Details bleiben den busfahrenden Cameron-Highland-Touristen verborgen. Hier heißt es schnell durchrauschen. Wir verstehen es nicht.

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Wir geben unser Bestes und versuchen die Schönheit der Abfahrt mit vielen vielen Fotopausen in die Länge zu ziehen. Irgendwann ist aber auch die atemberaubende Abfahrt zu Ende. Das Gebirge spuckt uns in die Ebene. Wir plagen uns durch die zähe, viel zu heisse Luft. Der Puls kämpft, auch wenn es eben ist. Eine letzte Zeltnacht wartet auf uns. Fliegen – welch Überraschung – leisten uns Gesellschaft beim letzten wilden Abendpicknick. Zur Feier des Tages gibt es Mango und Banane mit Joghurt und Haferflocken. Eine letzte Dusche aus der Flasche. Und anschließend vom Himmel. Es donnert und blitzt und blitzt und donnert. Und regnet. Ins Zelt hinein. Wenigstens wird es ein bisschen kühler. Schweißtropfen und Regentropfen streiten sich darum, wer uns nässer bekommt. Die Schweißtropfen werden wohl trotz allem gewinnen.

Am Morgen überrascht uns ein zugeschwollenes Auge in Claudis Gesicht. Das Killerinsektengift tobt sich noch immer aus und malt kreativ schiefe Gesichtszüge. Ab zum Doktor. Das Frühstück besteht aus 9 Pillen. Dazu gibts Reis, Tofu und Gemüse. Und natürlich – der zuckersüsse Tee darf nicht fehlen!

Auf die letzte Zeltnacht folgt eine allerletzte Nacht im Picknickhäuschen einer Moschee. Tja, malaysische Züge transportieren keine Räder. Wir wollten den lärmenden, stinkenden Verkehr umgehen, der in Großstädte strömt. Wie schon in Bangkok sind wir gescheitert und radeln bis ins Zentrum. Zu unserer Freude wird der Verkehr erst 30km vor Kuala Lumpur nervenraubend. Unsere letzte Erfahrung mit Stadtverkehr liegt bereits zweieinhalb Monate zurück. Bangkok. Wir haben nichts vermisst. Laut trönen die Motoren. LKWs, Kleinlastler, Busse und Autos schieben sich die Straßen entlang. Stressige letzte Kilometer schlängeln wir uns durch Staus an den Ampeln. Angenehmerweise hupen sie hier nicht sonderlich viel.

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Kuala Lumpur ist ziemlich laut. Oder sind wir so viel menschliche Geräusche nicht mehr gewohnt? Abends beim Inder schreien die Küchengeräte unsere Ohren taub. Die Straße lärmt im Hintergrund. Gäste kommen und gehen. Auch hier essen die Menschen sehr schnell. Sitzen bleibt keiner. Die Atmosphäre ist ja auch nicht gerade einladend. Nur der Hunger hält uns für eine zweite Portion an unserem Tisch. Roti und Curry versöhnen uns. Kichererbsen zerplatzen langsam an unserem Gaumen. Für einen klitzekleinen Moment ist die Welt ganz still.

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2 Antworten zu Ein letztes Mal ins Abenteuer

  1. DI.Dr. Georg M. Vavrovsky schreibt:

    Liebe Cloudy, liebe Betty!

    Ich durfte nun mehr als ein Jahr in Gedanken mit euch durch Länder, Kulturen und Welten radeln, eure Freude, eure Schmerzen, eure Neugier und auch all eure Überraschungen miterleben. Ihr habt von unvergesslichen Menschen berichtet und von unfassbarer Gastfreundschaft erzählt. Gemeinsam habt ihr unglaubliche Situationen und Herausforderungen bewältigt, die wohl oft an euren Nerven und manchmal auch an eurer Gesundheit zerrten. Ihr habt euch gegenseitig in reichem und nicht vergeltbarem Maße beschenkt und euch auch selbst über alles belohnt. Ihr habt aber auch uns, die wir täglich in Gedanken bei euch waren, ein unvergleichliches Erlebnis bereitet. Ein Erlebnis das nur übertroffen wird von der lebendigen Realität, die ihr als unauslöschbare Erinnerung mit hinein in euer zukünftiges Leben nehmen werdet.

    Mit herzlichem Dank, aufrichtigem Respekt und kameradschaftlicher Gratulation,
    ein begeisterter Radsport – Kollege.

    Liebe Grüße
    Euer Georg – M. Vavrovsky

  2. Anonymous schreibt:

    Wünsche Euch eine glückliche Heimkehr, schönen Flug .
    Bis Donnerstag noch alles Gute.
    Bussi Omi

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