Die Chinesen

sind … anders. In Plastik eingeschweisste hartgekochte Eier – mit und ohne Schale, in Sojasosse getränkt und pur. Leicht zerquetscht liegen sie im Regal. Daneben Hühnerfüsse mit Krallen, mit und ohne Sojasosse. Der kleine Snack zwischendurch für die Zugbank.

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Wir haben den Hochsicherheitsbahnhof in Ürümqi gefunden und die erste Sicherheitskontrolle passiert. Überall stehen Polizisten. Junge Soldaten schreiten das Gelände ab, Positionieren sich an einer Ecke oder mittendrinn und beobachten das Geschehen. Fast genauso viele Leute kümmern sich mit Besen und Schauferln um die Sauberkeit des Geländes. Ein Tschikstummel fällt zu Boden. Daraufhin ermahnt ein Passant den jungen Sittenverbrecher. Sofort wird der Tschikstummel wider aufgehoben und ordnungsgemäss entsorgt.

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Um das Gelände rund um den Bahnhof zu betreten – inklusive der vielen Restaurants und Shops, müssen alle Taschen durch den Scanner. Das Fahrrad darf glücklicherweise mit uns durch den Schranken. Chinesen zwängen sich an uns vorbei, während wir leicht gestresst unsere zwölf Taschen einsammeln und wieder am Rad montieren. Wohin jetzt? Zur Bank und dann zum Ticketschalter. Ja, wenn das so einfach wäre.. Die Bankomaten wollen unsere Karten nicht oder stressen beim Pin eingeben mit einem rassanten Countdown, woraufhin sie die Bestätigung des Pins nicht annehmen wollen.

Chinesisch ist so weit von jeder bisherigen Sprache entfernt, wir verstehen nicht mal ansatzweise was sie uns mitteilen wollen. Sie scheinen uns genausowenig zu verstehen und schauen uns manchmal ziemlich absonderlich an. Auch die Fingerzeichen für die Zahlen sind komplett anders. Chinesen zählen mit einer Hand bis zehn. Wir wissen nicht mehr wieviel Portionen wir bestellen. Solange es nicht zu wenig sind.. 😉

Dann bekommen wir doch noch den Tip für die richtige Bank. Huch, erste Hürde gemeistert! Ausgestattet mit Barem gehts auf zum Ticketschalter. Davor muss noch ein Passcheck absolviert werden, der verdächtige Körper abgegrapscht und die Tasche durch den Scanner. Mit den Rädern dürfen wir nicht hinein. Also wartet eine, während die andere auf die richtigen Handzeichen hofft. Damit die Chinesen nicht zu sehr drängeln und immer nur einer am Ticketschalter steht, gibt es ein Drehkreuz. Künstliche Disziplin. Wow, der Herr am Ticketschalter ruft eine englischsprechende Chinesin! So meistern wir die zweite Hürde mit Leichtigkeit. Nächste Aufgabe: die Räder aufgeben. Räder muss man aufgeben. Dazu müssen wieder alle Taschen durch den Scanner. So kommen mal andere Muskeln zum Zug! Nette geduldige Chinesen helfen uns beim Ausfüllen des Formulares. Wehmütig werfen wir unseren geliebten Eserln einen letzten Blick zu. Erleichtert um die Räder und erschwert um die Taschen – ‚iaaah, iiaaah, jetzt spürt ihr mal, wie wir immer schuften!!‘ wiehern uns die Eserln noch nach – machen wir uns stolpernd und schwitzend auf den Weg zu unserer ersten chinesischen Nudelsuppe!

IMG_1155Mit unseren Buskollegen, den zwei französischen Radlern, die wir am Pamirhighway in Tajikistan schon mal getroffen haben, schlagen wir uns tapfer die handgemachten megasuperlangen Nudeln mit den Stäbchen zu essen. Anschliessend schlürfen wir den Suppenteller aus. Aaahh!! Lecker!!

 

Leckerlis für den Zug kaufen. Ui, das ist eine Aufgabe!! Viele eigenartige Produkte lauern auf uns. Was davon ist wirklich geniessbar? An die Hühnerfüsse trauen wir uns noch nicht. Wir bleiben lieber bei Obst, Trockenfrüchten, Weissbrot und Chinanudeln. Für Chinanudeln und Tee gibt es im Zug immer heisses Wasser. Sehr praktisch!! Könnten wir in Europa durchaus übernehmen!

Mehr als eine Stunde vor Abfahrt unseres Zuges machen wir uns auf den Weg den richtigen Bahnsteig zu finden. Gut so! Denn es wartet schon wieder eine Sicherheitskontrolle nach der anderen auf uns. Alle Taschen durch den Scanner! Körper abtasten! Passkontrolle! Ticketkontrolle! Und dann stehen wir ratlos und allein zwischen zielstrebigen Chinesen. Wir strecken ihnen hoffnungsvoll unser Ticket entgegen und lächeln. Ausser ‚haa, jaau und chii‘ verstehen wir nichts. Die abschliessende Winkbewegung in eine Richtung lässt uns aufatmen und den verwirrten Gesichtsausdruck entkrampfen. Ein ganz schön langer Weg mit soviel Gepäck bis wir endlich in den Zug steigen.

Betti und Claudi machen sichs gemütlich im Zug:

IMG_1167…da ist jetzt in Wirklichkeit ein Foto von uns beiden mit gaaaaaanz viel Essen…

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An uns laufen laut rülpsende, genussvoll rotzaufziehende, in das Waschbecken am Gang schlatzende Chinesen vorbei.

IMG_1157…und hier gibts ein Foto mit den Verboten im Zug. Das wichtigste Verbot ganz rechts: ein durchgestrichener spuckender Mann ‚Schlatzen verboten‘. Verbote sagen so einiges über eine Gesellschaft aus.. Die Chinesen sind bei Mundgeräuschen richtig freizügig und sorgen für ständige Hintergrundmusik. Apropo Musik, aus dem Zuglautsprecher tönt klassische und chinesische Musik. Unterbrochen von chinesischen Lautfolgen. Eine Männer- und eine Frauenstimme erzählen eine Menge während wir durch die chinesische Wüste bummeln. Einmal mehr trockener Boden mit niedrigem Gestrüpp. In der Ferne erkennen wir gerade noch trockene Hügelketten.

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Der Zug rollt gemütlich dahin, bleibt ab und zu im Nirgendwo stehen um sich auszurasten und kommt dann und wann an einer Station vorbei.

Feines warmes Zugessen: klebriger Reis mit drei verschiedenen Sossen – allerdings alle gleich scharf. Vieles wird im Zug verkauft: Powerakkus, Visitenkarten-Schutz-Hüllen, Uhren, Obst, Getränke, Hühnerfüsse und andere Leckerbissen.

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Untermalt wird die 49-stündige Reise von frischem Zigarrettengestank. Der Ein- und Aussteigebereich ist traurigerweise ein Raucherbereich. Natürlich ohne Belüftung oder Fenster. Es fäut!! Genervt werfen wir die Türen zu, die sich ständig wieder öffnen und offen bleiben.

Am zweiten Zug-Morgen ist es plötzlich grün draussen. Und was für ein Grün! Dichte feuchte Urwaldhügeln. Ab und zu unterbrochen von ein paar Terrassenfeldern. Häuschen und Hütten verstecken sich zwischen den Bäumen. Braune Flüsse schlängeln sich durch die Hügeln und unser Zug – schwupp – verschwindet schon wieder im Tunnel. Wir sind im nächsten grünen Tal.

Und irgendwann am dunklen Abend in Chengdu..

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4 Antworten zu Die Chinesen

  1. Andi schreibt:

    Endlich bin ich wieder up-to-date mit eurem Blog. Spanned was ihr alles erlebt habt, ihr solltet am Ende der Reise ein Buch draus machen:) Cool, dass ihr fast überall nett empfangen werdet (außer mit den Psychopaten die euch mit steinigen wollten 😦 )und so viel Kontakt zu EInheimischen habt (so kommst du sicher auch so etwas zum impro „spielen“ :))
    Die allerbesten Grüße aus Wien und ich wünsch euch weiterhin eine so ereignissreiche (und sichere) Reise!

  2. Arianna schreibt:

    Sehr schön Website!
    Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.
    Grüsse aus Italien!
    Buon viaggio!

  3. Wie schade, dass Ihr gleich bis Chengdu durchfahrt! Da hätte es unterwegs noch so einiges zu sehen und zu erfahren gegeben, gerade für Radfahrer. Trotzdem: Interessanter Bericht von aktuellen Situation in Urumqi, die ich vor ein paar Jahren noch ganz anders und vor allem ohne die vielen Sicherheitskontrollen erlebt habe.
    LG
    Ulrike

  4. Sil schreibt:

    ma scheee! 🙂
    …und die kreative lösung für die fehlenden Fotos ist mindestens genauso genial wie ein tatsächliches Foto! 😀

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