Halbmondnächte

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Aus Bishkek hinaus wählen wir den umständlichen erlebnisreichen Weg über Felder und kleine Orte, anstatt der verkehrsreichen Hauptstrasse. Es geht querfeldein, rauf und runter, über Stock und Stein, fröhlich munter. Auch schiebend durch hohes Gestrüpp versuchen wir unser Glück. Und finden am dritten Tag die Hauptstrasse wieder.IMG_0686   IMG_0702

Das ist alles? Mehr gibt es von zwei Radtagen nicht zu berichten? Meine abendlichen Gedanken während die Nudeln kochen. Wir haben fertig gegessen und freuen uns auf eine frühe Nacht am einsamen Feld. Schon kommen drei Kinder – zwei zu Fuss, eines zu Pferd. Wir plaudern mit ihnen so gut wir können. Sie machen uns klar, dass sie unsere Räder ausprobieren wollen und wir sollen dafür auf ihrem Pferd reiten. Wir haben die Räder schon abgesperrt und wollen einfach nur schlafen. Das akzeptieren die drei nicht. Sie bohren immer weiter. Ohne Erfolg. Schliesslich begrapschen sie unsere Räder und drehen am Zahlenschloss. Ein ’niet‘ bringt gar nichts. Betti grabbelt aus dem Zelt und stellt sich mal sicherheitshalber dazu. Der etwa 14-jährige Anführer droht die Reifen mit seinem Messer aufzuschlitzen. Au weh! Die werden wirklich lästig! Jetzt grabbelt auch Claudi aus dem Zelt und findet ihren Sandalen nicht mehr. Einer der beiden 12-jährigen deutet, dass der Sandalen im hohen Gras liegt. Na toll, dann bring ihn halt wieder! Glück gehabt, dieser kleine Fratz ist schüchterner als der Anführer und bringt den Sandalen wieder. Kurz darauf stiehlt der Frechdachs allerdings einen unserer Haringe. Schnapp und Claudi hat sein Kapperl in der Hand. Schnell wird getauscht. Inzwischen fuchtelt der Anführer nur noch mit seinem Messer herum. Er will Geld haben. Na klar. Sonst noch was? Ja. Er ladet uns in sein Haus ein zum poppen. Dazu schwingt er sein Messer. Von wem hat er das??!! Wir versuchen ihn mit Körpersprache von unserem Zelt wegzuschieben. Mit kurzem Erfolg. Wir sagen den dreien sie sollen nach Hause gehen. Mit gar keinem Erfolg. Sie werden zunehmend agressiver. Der Reiter nimmt Anlauf und lenkt sein Pferd direkt auf uns. Claudi greift ihm in die Zügel und lenkt das Pferd ein paar Schritte vom Zelt weg. Daraufhin nimmt er erneut Anlauf und lenkt das Pferd auf unser Zuhause, unser Zelt. Oh shit!! Zum Glück ist das Pferd intelligenter und bricht seitlich aus, am Zelt vorbei. Wir sagen ihnen, dass das Zelt unser Haus ist und wir es noch brauchen. Ist ihnen egal. Während Claudi sich mit Reiter und Pferd beschäftigt versucht Betti den Anführer einzuschüchtern und wartet auf eine günstige Gelegenheit ihn zu entwaffnen. Die Sonne ist untergegangen. Es wird dunkel. Der Mond steigt empor. Ein kräftiger Halbmond. Wir verwerfen den Gedanken eine läuft zur Strasse hinunter und hält ein Auto an, während die andere auf Zelt und Räder aufpasst. Drei unberechenbare Kinder plus Pferd sind alleine zu unlustig. Ausserdem kommen nicht viele Autos. Sich vor der Strasse zu verstecken ist nicht immer von Vorteil..

Ein erneuter Anlauf des Reiters auf unser Zelt. Das arme kluge Pferd will nicht. Der Reiter treibt es immer heftiger an, bis es zur Seite ausbricht und über unsere Räder stolpert. Wir schreien. Claudi erwischt den Reiter am Bein und versucht ihn hinunter zu ziehen. Sie wird von dem messerfuchtelnden Anführer abgelenkt. Plötzlich laufen die Kinder zur Strasse hinunter. Ein Auto bleibt stehen. Betti hofft auf Erwachsene und macht sich auf den Weg nach unten. Das Auto fährt weiter. Leider ein bisschen zu früh. Kurze Zeit später kommen die Kinder den Weg wieder hinauf. Schottersteine landen neben unseren Füssen. Oh fuck! Auch das noch! Jetzt wirds wirklich unlustig. Was tun wir? Helme aufsetzen! Ja, auch gegen Steingeschosse können Radhelme hilfreich sein! Sprachlich verständigen geht gar nicht. Wir schiessen zurück und hoffen, dass sie sehen wie bescheuert Steine werfen ist. Haha, natürlich nicht. Sie holen eine weitere Ladung Steine von der Strasse. In der Zwischenzeit haben wir Steine gesammelt und verschanzen uns hinterm Zelt. Paintball in real life. Zwischen Steine werfen, verschanzen, aufschreien wenn unser Zelt besonders bös getroffen wurde, besprechen wir unsere Lage. Hier schlafen ist ausgeschlossen. Wenn die Kinder irgendwann gehen sollten, sie könnten jederzeit zurück kommen. Ruhiger erholsamer Schlaf geht hier sowieso nicht mehr. Also packt eine ihr Zeug im Zelt wieder ein, während die andere Steine in die Dunkelheit wirft. Dann satteln wir unsere Pferdchen. Am Schluss bauen wir schnell das Zelt ab und düsen davon.

Kurz bevor wir unsere Pferdchen satteln, kommen die Kinder nochmal näher ans Zelt. Der Anführer mit hocherhobenen Armen. Vielleicht um zu zeigen, dass er keine Monition mehr hat. Vielleicht hecken sie was neues aus. Claudi schiesst mit Blitzlicht in die Nacht hinein. Auf den Fotos sieht man natürlich nichts. Aber die Kinder sind abgehauen. Juhu. Endlich. Wir packen schnell das Zelt zusammen und ab die Post durch die dunkle Nacht.

Teile des Wurfgeschosses:

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Im nächsten Dorf fragen wir in einem kleinen, noch offenen Geschäft, ob wir im Garten zelten dürfen. Wir werden durch den Hof in den Garten hinters Haus geführt. Zwei aufgeregt bellende Hunde begrüssen uns. Der Mann weist uns den Weg zwischen Obstbäumen durch hohes saftiges Gras. Die Halme sind leicht feucht. Wow, so sanft ist unser Zelt schon lange nicht mehr gelegen! Ob das hoffentlich trocken bleibt bis in der Früh? Wir sind müde und schlafen schnell ein.

Weit entfernt in tiefen Träumen rutscht Claudis Hand von der Matte. Platsch! Aus der Ferne blitzschnell in die nasse Realität zurückbefördert. Betti! Wir schwimmen!! Es ist 4:20. Vor unserem Zelt steht eine ca. 15 cm tiefe Lacke. Das heisst, unser Zelt steht in der Lacke. Das Ergebnis von der grandiosen Giesstechnik dieser Länder – einfach den Garten fluten. Dazu wird der Bewässerungskanal beliebig umgeleitet. Und das mitten in der Nacht??! Wir waten durch den sumpfigen Garten. Schnappen unsere Taschen und bringen sie neben das Haus und den bellenden Hund. Dort ist es noch trocken. Aus dem Zelt räumen wir nur die schweren Sachen. Dann tragen wir es zu unserem dritten Schlafplatz in dieser Halbmondnacht. Im Halbfeuchten schlafen wir weiter und erwachen noch immer ziemlich müde bei Sonnenschein. Jetzt heisst es alles zum trocknen aufhängen..

Was für eine Nacht! Wenn, dann kommt wohl alles geballt!

Das gefährlichste auf Reisen sind Kinder. So lieb die meisten sind, so unberechenbar sind einige Wenige. Schon in Marokko mussten wir das feststellen. Dort sind uns im Atlasgebirge in einem kleinen Dorf eine verspielte Menge Kinder nachgelaufen. Sie wollten so schnell sein wie wir und unsere Taschen abklopfen. Haben wir gedacht. Dann haben wir überrissen, dass sie unsere zum trocknen an den Taschen befestigten Kleidungsstücke stehlen. Neeiiiin!!! So viel Gewand haben wir ja nicht.. Wir sind stehen geblieben. Sofort waren wir von etwa 30 Kindern umzingelt. Wenn sie wollten, könnten sie uns alles nehmen. Ein komisches, ausgeliefertes Gefühl. Wir haben gedeutet, dass wir unsere Leiberln, Socken und Hosen wieder zurück wollen. Zum Glück sind ein paar Erwachsene in der Nähe gewesen. Durch ihr schimpfen haben die Kinder unsere Sachen wieder gebracht.

Leider reicht eine solche Erfahrung, um allen Kindern misstrauisch zu begegnen. Zum Beispiel den vielen lieben Kindern am Strassenrand, die erfreut grüssen, uns entgegenlaufen und ihre Hand ausstrecken damit wir einschlagen. Es bleibt die Befürchtung, ob Steine folgen.. Dank der vielen guten Erfahrungen mit Kindern, lassen das Misstrauen und die Befürchtungen aber auch wieder nach. 🙂

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