kilometerlanges Geduldsspiel

Nach 10 Stunden Autofahrt haben wir schlussendlich die 450km von Murghab nach Osh bewältigt. In Osh versuchen wir unser Glück im Finden einer neuen Felge am grossen berühmten Bazar (der grösste Zentralasiens).

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Nach einigem Schlängeln durch enge bunte Gänge und Bestaunen der überfüllten kleinen Läden, finden wir doch noch die Fahrradecke. Auch hier ist das Warenchaos perfekt. Es gibt alles, sogar sehr hilfsbreite Mechaniker.

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Nur keine passende Felge für uns. Dafür bekommen wir die Telefonnummer von jemandem, der 32 Lochfelgen haben soll und russisch spricht. Zurück im Biy Ordo Guesthouse hilft uns eines der Guesthouse-Mädl mit dem Telefongespräch. Am nächsten Morgen suchen wir den vermeintlichen Fahrradladen. Finden ihn natürlich nicht und bitten in einem Geschäft dort nochmal anzurufen. Wir werden in ein paar Minuten abgeholt. Oh schön! Der Radfreak führt uns durch kleine unebene Gasserln zu seinem Heim. Die etwa siebenjährige Tochter schaukelt unter ihrem Baumhaus. Was für eine idyllische Überraschung so nah hinter der Hauptstrasse! Fahrradladen ist das zwar keiner, Felgen gibts trotzdem eine Menge. Leider auch hier keine passende für unser lahmendes Eselchen. Damit wurde das gnadenlose Urteil gefällt: Lahmendes Eselchen plus Reiterin müssen mit dem Bus nach Bishkek. Fittes Eselchen und andere Reiterin dürfen durch die Wildnis gallopieren.

die kaputte Felge:

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Ich sitze also im Bus nach Bishkek, eingeklemmt zwischen Lehne und Fahrradlenker. Draussen saust die wunderschöne Landschaft vorbei. Ein lebendiger türkiser Fluss schlängelt sich durch faszinierende Bergwelten. Mein trauriger Gedanke hier nicht zu radeln wird unterbrochen. Laute kirgisische Musik erfüllt unser Auto. Mein Kopf beginnt zu tanzen und gleich darauf die beiden Kirgisinnen erfreut zu kichern. Fahrer und Beifahrer werfen Blicke nach hinten und grinsen sich eines weg. Voller Freude malen die Hände der jungen Medizinstudentin tanzende Schlingen und Kreise in die Luft. Sie erklärt mir, das ist der traditionelle Tanz. Ich versuche, eingeklemmt wie ich bin, mein bestes im Nachahmen. Zur Begeisterung der kirgisischen Frau, die sogleich klatschend miteinstimmt. Jetzt will auch der Fahrer mit dabei sein und schwingt seinen Körper im Tackt. Zu meiner Beruhigung konzentriert er sich dann doch wieder auf die Strasse. Zwischen all uns tanzfreudigen sitzt ganz in der Mitte ein Herr, der vorgibt von alledem nichts mitzubekommen. Auf der anderen Seite meines Rades sitzt ein Bursch auf einem wackeligen Stoss Teppiche. Die ganze lange Fahrt muss er so ausharren. Und das wegen meinem Radl. Nachdem er vom Fahrer so hingesetzt wurde, dachte ich, er fährt nur ein kleines Stückchen mit uns. Aber hier sitzt man auch eine ganze Tagesbusfahrt so. Zumindest hat er nach einigem Gepäckumschlichten mehr Platz als ich.

Unsere freudige Tanzstimmung wird plötzlich unterbrochen. Vor uns steht ein Haufen Autos auf der Strasse. Was ist da los? Genauso ein Minibus, mit dem wir gerade unterwegs sind, ist quer auf die Leitschiene gehupft. Davor steht ein Auto mit stark gequetschter Front. Komplett zersprungene Windschutzscheibe und komplett eingedrückt. Leute versuchen die noch immer im Minibus eingeschlossenen herauszuholen. Auf der Strasse auf Decken liegen die schon geborgenen. Nach dem zu urteilen wie sie hier fahren, passiert sowas wahrscheinlich häufig. Auch unser Fahrer meint zwischendurch die Fahrt sei ein Autorennen und ihm gehöre die gesamte Fahrbahn. In Kirgisistan gibt es anscheinend nur Autos mit einem Pedal…dem Gaspedal und das wird möglichst durchgedrückt gehalten. In Linkskurven zu überholen spart Weg. Dass man im Gebirge den entgegenkommenden Verkehr nicht sieht, macht nix. Deshalb gibts ja die Hupe! Also mal gscheit draufhauen und notfalls das zu überholende Auto schneiden. Klappt doch immer so! Der Fahrer versteht zwar kein englisch, aber ich konnte ihm trotzdem deutlich machen, dass wir es nicht ganz so eilig haben (zu sterben). Ich denke an Betti und hoffe, dass die Autofahrer gut aufpassen..

Überraschender Weise noch immer lebendig steige ich im dunkeln Bishkek aus. Zum Glück habe ich bereits einen Plan von der Stadt und die Adresse vom Guesthouse. Schnell alle Taschen aufgeschnallt und schon gehts die dunklen Strassen entlang. Strassenbeleuchtung ist eine Seltenheit. Immer mal wieder ein Stop um Strassennamen, falls vorhanden, im halbdunkeln zu entziffern. Langsam komme ich dem Ziel näher. Kurz davor wird es ganz dunkel. Wenn ich im Fahren einen Strassennamen entdecke, heisst es stehenbleiben, Vorderrad anheben und schnell drehen, damit das Radlicht brennt und ich das Strassenschild lesen kann. So haben die Arme auch mal wieder was zu tun! Schliesslich finde ich die richtige Gasse und das richtige Haus. Unglücklicherweise ist niemand mehr wach und ich muss sie aufwecken. Hundsmüde breite ich schnell Matte und Schlafsack im Freien aus und falle hinein. (Das Zelt reist mit Betti.) Lang bin ich nicht allein. ’ssssss‘ eine muntere Gelse tanzt um mein Ohr. Och, neee!! Bei Sonnenaufgang gibt es einen Schichtwechsel zwischen Gelsen und Fliegen. Tja, was einem so alles entgeht im Zelt! Nämlich auch knuddelige Gesellschaft im Schlafsack:

IMG_0319 IMG_0325 Was für ein netter Ort hier! Ein ehemaliger Warmshower (Host für Radreisende, wie Couchsurfing) ist dieses Jahr am testen ein Radler-Guesthouse aufzumachen. Somit tummeln sich wieder mal eine Menge Radler an einem Ort. Den ganzen Tag wird geschraubt, geputzt, verbessert, ersetzt, Infos ausgetauscht und natürlich gegessen. Fast jeden Tag kommt jemand Neuer dazu. Ab und zu fährt auch wieder jemand weiter. Viele müssen hier auf Visas oder Ersatzteile warten. Ich auf Betti. Unsere Chinavisas haben Dank unserem special Visaengelchen schon auf uns gewartet. Danke Mami fürs Beantragen und Zusenden!! 🙂

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Eine passende Felge zu finden wird auch in der Hauptstadt zum Geduldsspiel. Ich mache mich schon im Internet schlau wieviel es kosten würde eine schicken zu lassen. Überglücklicherweise hat am dritten Tag der grösste der kleinen Fahrradläden offen und ich finde doch noch eine Felge!! Wuuhuu!! An die Arbeit! Die kaputte Felge ausspeichen und die neue einspeichen. Nach Anleitung von Neathen, dem Guesthousechef und Radreparatourprofi, klebe ich die neue Felge mit der alten zusammen. Dann wird Speiche für Speiche umgeschraubt. Gar nicht so die Hexerei, nur ein meditatives Zeitvertreiben. Am Schluss noch zentrieren und das wars! Hinein in den Rahmen, Bremsen einstellen uuuund LOSRADELN 🙂 Betti wo bist du? Es geht weiter!!! 🙂

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