wieder am Radl!!!

IMG_2717

Durchfall. ‚What a nice technical term!‘ Eine radelnde Niederländerin mag unser Wort dafür. Wir mögen die Tatsache weniger, dass er uns seit ein paar Tagen auf Schritt und Tritt begleitet. Eine lästige Gesellschaft. Immer, wenn wir glauben diesen gewissen Herrn Durchfall abgehängt zu haben, grüsst er uns hinter der nächsten Häuserecke oder nach dem Frühstücksei.. Vielleicht verliert er das Interesse und steigt wieder aus, irgendwo zwischen den nächsten öden Kilometern durch trockene, immergleiche Landschaften. Wir rasen dahin. Nicht mal zum fotografieren bleiben wir stehen. Was denn auch? Den dörren Boden mit den staubig-grauen Büschen? Die schnurgerade Strasse, die die linken staubigen Büsche von den rechten trennt?

IMG_2719

Die kleine Erhebung der Strasse wird begleitet von einem kaum wahrnehmbaren Knistern vor Spannung was uns wohl auf der anderen Seite erwarten wird. Grau-staubige Büsche mit 1m oder 1.5m hohen Astenden? Das Gestrüpp ist hier schon ein bisschen grösser, als noch weiter im Westen. Am späten Nachmittag radeln wir sogar eine etwa zweihundert Meter lange Baumalle entlang. Wow! Wir werden aus unseren Träumen gerissen!

Noch etwas hat sich geändert! Die Sonne sticht weniger, die Hitze ist nicht mehr so gewaltig. Wir können gut bis 12 Mittags radeln und um vier schon wieder weiter. Juhu, ein bisschen längere Nächte! 🙂 Auch trauen wir uns in der Mittagspause wieder durch die Sonne zum Häusl – eine ziemliche Erleichterung!

IMG_2749

Mittagspause unterm Vordach eines Restaurants. Zugegeben, das ist nicht der optimalste Ort um eine ruhige Mittagspause zu verbringen. Ab und zu beantworten wir halt die üblichen zwei Fragen woher wir kommen – niet Australia, Austria! – und wohin wir fahren. Nein, wir sind nicht immer nur höflich. Manchmal wollen wir einfach unsere Ruhe und zeigen das auch. Wir sagen dann, dass wir kein russisch sprechen. Manch einer will das nicht verstehen, oder er gibt die Hoffnung nicht auf, dass wir es in der nächsten Minute plötzlich doch tun. Der gleiche Satz wird immer und immer wiederholt. In zunehmender Lautstärke. Heute überrascht uns ein Uzbeke mit seinem Durchhaltevermögen gewaltig. Nach über einer Viertelstunde ruft er uns noch immer ein ‚hallo, hallo‘ vom anderen Tisch hinüber. Ruft uns bei all den Namen, die ihm einfallen und erzählt uns irgendwas was wir nicht verstehen. Er lässt sich durch unser Ignorieren überhaupt nicht beirren. Wenn er schon nicht versteht, dass wir kein russisch sprechen und nicht sprechen wollen, fühlt er dann nicht wenigstens, dass wir grad keinen Kontakt wollen? Wie hält er das überhaupt aus mit uns zu sprechen, wenn wir ihn kein einziges Mal anschauen? Wodurch behält er seine Hoffnung? Die Lokalbesitzerin spricht ein Machtwort und schickt ihn weg, bevor ich mir noch mehr Fragen stellen kann..

Sehr amüsant ist die häufige Frage, ob wir Touristen sind. Wenn wir doch nur ein bisschen mehr russisch könnten, die Antworten würden wahnsinns Spass machen!! 😉

IMG_2767 IMG_2769 IMG_2770 IMG_2773

Abendessen im gemütlichen Türkensitz. Leckere Suppe mit Kichererbsen, Erdäpfeln, Dille und Rind. Fleischtiger schwirren bereits gierig über unserem Tisch. Sie wittern ihre Chance ein Stück Rind zu ergattern. Wir schieben den kleinen Teller mit den Knochenresten an den Tischrand. Total diszipliniert fallen die Fleischwespen über die von uns nicht sehr sauber abgenagten Knochenstücke her.

IMG_2728

Mit hektischen Bewegungen beissen sie sich Stücke, die grösser sind als ihr Oberkörper, herunter. Der ganze Körper wippt mit, das Hinterteil vibriert. Der Fleischbrocken wird rundum abgesäbelt und mit dem vordersten Beinpaar fest umklammert. Sofort sind die Fleischköniginnen schon in der Luft und fliegen schnurrstracks davon. Beim Wiederkommen bringen sie Verstärkung mit. Ein friedlicher Festschmaus für sie und für uns. Sie kümmern sich nur um das Fleisch auf dem kleinen Teller am Tischrand. Wir müssen sie nicht genervt wegwacheln und geniessen unsere Erdäpfel. Wieso lassen sich Fliegen nicht auch zu solch praktischen Kompromissen überreden?!

Beim Vorbeischlendern an einem Restaurant sind uns mal kleine fleischgefüllte Tellerchen aufgefallen, die ein Stück weit von den Tischen platziert waren. Wir dachten an Restln für den Hund, haben aber Fleischtiger entdeckt. Ein friedliches Miteinander. 🙂 Bei uns würde wohl irgendein Gift die kleinen Tierchen fernhalten..

IMG_2774 IMG_2795

Nach zwei Radtagen in der Wüste südöstlich von Bukhara suchen wir uns im wenig einladenden Karschi ein billiges Hotel. Wir landen im günstigen Keller. In Uzbekistan müssen sich Reisende ständig registrieren, laut Gesetz mindestens jede dritte Nacht. Die Registrierungen werden von den Hotels vorgenommen…kein optimales Reiseland für Radreisende bzw. Zelttouristen.

In der Hotellobby begrüsst eine unscharfe Bergsee-Tapete. Gelbe Tulpen, Laubbäume mit dicken Stämmen, saftig grüne Wiesen, Bankerln mit Seeblick und ein Mistküberl – ein Mistküberl, das ist definitiv kein uzbekisches Panorama! Im Hintergrund verschneite Berggipfel und am anderen Seeufer ein Dorf. Seufz, wie daheim.. Ob die Hoteldame schon mal in so einer Umgebung war? Wie ist das wohl für einen flachland Wüstenbewohner zum ersten mal grüne Bergluft zu atmen? Wir habens schon verdammt gut erwischt mit Österreich!! Ziemlich verständlich, wenn Leute von hier abwandern wollen..

Am nächsten Tag zu Mittag radeln wir tatsächlich an einem besseren Tümpel vorbei. Burschen vergnügen sich im kühlen Nass. Die Mädls fehlen auch hier. Deshalb trauen wir uns nicht hinein und radeln einfach weiter. Schluchz.

IMG_2816

Wo sind die Horden an Radreisenden, die auch nach Dushanbe unterwegs sind?! Wir sind einsam.. nicht mal Motorradreisende.. ein türkischer LKW-Fahrer teilt mit uns sein Mittagessen, zeigt uns den Vogel und schüttelt den Kopf. Oh ja, wir sind bekloppt!! Was tun wir hier???

Weg hier! Nichts wie weg hier! Wer beamt uns woandershin?!!! Schnell…!! Die Wüste wird hügelig und wieder heiss. Lebensfeindliche farblose Unebenheiten. Berge schauen anders aus! Berge sind grün und bewaldet. Auf Berge zu klettern oder zu radeln macht Spass.

Den knochigen Kühen, die hier in der prallen Sonne gelbe harte Grashalme knabbern, erzählen wir lieber nicht von ihren gut genährten Artgenossen auf kühlen saftigen Almen. Erst recht kein Wort von der frischen Quelle, die über ihre Alm sprudelt, sonst laufen die armen Kühe noch Amok. Es reicht, wenn wir grantig sind.. physisch und psychisch angeknackst hocken wir im Schatten eines Chaihauses. Nie wieder Wüste mit dem Rad! Uzbekistan ist kein Radreiseland. Hut ab vor allen die hier leben!

IMG_2783

Was wird Kindern hier erzählt? Bei uns heisst es, liebe Kinder spart mit dem Wasser! Es gibt Wüstenkinder, die haben ganz wenig Wasser. Kinder, esst auf! Es gibt Kinder, die haben nicht genug zu essen. Welche Vergleiche werden wohl hier gemacht? Liebe Kinder, seid froh über den Sand! Es gibt Kinder, die leben nur in Staub.

Kinder verkaufen Kindern Luftballone. Kinder vermieten Kindern ferngesteuerte Autos, setzen die glücklichen Passagiere hinein und steuern sie eine Runde über den Platz. Im Hostel zeigt die kleine Tochter (~7 Jahre) den Neuankömmlingen ihre Zimmer. Im Supermarkt verkauft der Sohn (~12 Jahre) Süssigkeiten, Getränke und Hygieneartikel. Der Tisch im Restaurant wird von einem ca. 8 Jährigen abgeräumt und saubergewischt. Eine etwa 10 Jährige räumt am späten Abend die Lebensmittel vor dem Supermarkt in das Ladeninnere. Kleine Kinderhände schmirgeln Holz für grössere Kinderhände, die Muster in das Holz schnitzen. Am Ende bauen fast Erwachsenenhände eine sehr fein gearbeitete traditionelle Türe daraus. Kinderarbeit gibts an jeder Ecke.

Der jüngste Sohn bleibt bei der Familie, während alle anderen Söhne heiraten und ausziehen dürfen. Heiratet auch der jüngste Sohn, dient die Schwiegertochter ihr Leben lang den Schwiegereltern. Und der Sohn sowieso.

Zum Glück ist Glück relativ. Glücklich bist du. Da und dort, mit und ohne. Gründe gibts immer. Oder nie. Wie du willst.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uzbekistan abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu wieder am Radl!!!

  1. Sil schreibt:

    Wahnsinn! DAANKE fürs mitleben lassen – nicht nur an den „äußeren Begebenheiten“, sondern insbesondere auch an deinen spannenden Geanken dazu! Auf und ab auch bei euch und in euch, was? ziemliche Gefühlshochschaubahn das Lesen deines Blogeintrags…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s