Dörrzwetschken in Salzkruste

Juhu! Es wird wahr! Bei Sonnenaufgang werden wir geweckt – wir haben endlich angelegt und können nun nach Kazachstan! Müde freuen wir uns auf unsere Sättel. Das ganze Prozedere mit den Grenzbeamten dauert dann aber doch noch ein schönes Zeitl. Und auch in Aktau heisst es warten. Bis die Migrationsstelle aufsperrt um uns mitzuteilen, dass Freitags nicht gearbeitet wird. Was??! Aber um 12 Uhr kommt die Zuständige heute trotzdem und kann uns registrieren. Puhuu..

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Zwischen den Häuserblöcken wachsen wie bei uns Bäume. Der Boden besteht allerdings aus staubigem Sand statt saftigem Gras. Sieht etwas traurig aus.. Die Autos bleiben bei den Zebrastreifen stehen. Ein Wunder! Wir müssen nicht im Zickzackkurs durch die Autos sprintend über die Strasse huschen. So viel Respekt sind wir gar nicht mehr gewohnt..
Weiss maskierte Strassenarbeiter in orange leuchtender Müllmannstracht. Wie Verbrecher haben sie nur zwei Gucklöcher für die Augen und eines zum spucken.. ständig schlatzt es hier aus Männermündern. Naja, von irgendwoher muss die Erde ja Feuchte erhalten..

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Die mittägliche Hitze ist vorrüber. Wir machen uns mit frisch gefüllten Taschen neugierig auf in die Wüste. Trocken. Karg. Wüste halt. Der Boden ist meist hart und rau. Oft mit einer mehr oder weniger dicken Staub- und Sandschicht bedeckt, welche auch die paar Pflanzen in ein und die selbe Farbe hüllt. Eintönig. Ein angenehmer Mitwind begleitet uns. Ziemlich viel Verkehr. Und deshalb ganz und gar nicht einsam. Es gibt hier auch richtiges Leben, nicht nur dröhnende Autos.

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Ein verheissungsvolles Schild:

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…und wo bitte ist jetzt die Tanne mit Schattenbankerl??!!

Um 5 Uhr läutet der Wecker. Bei Sonnenaufgang satteln wir unsere Pferde. Kühle Morgenfrische erfreut unsere Haut. Wir traben die geflickte Strasse entlang. Manchmal mehr Flicken als Strasse. Sanfte Kamellippen entreissen dem kargen Boden das letzte dornig-struppige Grün.

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Pferdeherden. Ein hochmotiviertes Fohlen galopiert um seine Mutter. Es gibt doch ein paar, die sich hier mehr als nötig bewegen. Zum Beispiel die grossen sprintenden Ameisen, die unsere Mittagsruhe im Schatten einer Moschee stören. Frechheit. So viel Lebendigkeit haben wir in der Wüste gar nicht erwartet. Ab und zu singt ein Vogerl und am Abend zirpen uns die Grillen in den Schlaf. Es dürften sich auch Igel und Hase gute Nacht sagen – wenn sie nicht plattgefahren auf dem Asphalt kleben würden.. 😦

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45 Grad im Schatten…es ist zu heiss um irgendwo anzukommen. Das mit dem schwebenden Schlaf haut aber noch nicht so ganz hin. Also bleiben wir vorerst beim schwitzenden Schlaf bis die nächste Ameise kitzelt..

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Wir campen im Garten eines Chaihauses. Es gibt herrliche fettige Teigtaschen mit Erdäpfel und Rind gefüllt. Die Wirtin schöpft kübelweise Wasser aus dem unterirdischen Wasserspeicher und giesst ihre jungen Bäumchen. Auch für uns hieft die starke Frau einen Kübel hinauf. Wir dürfen uns duschen. Eine echte Wüstendusche! Auf soviel Luxus haben wir gar nicht gehofft!

IMG_2448Bei Sonnenaufgang geht es wieder weiter. Zum Ort Shetpe. Es ist ja schon verrückt genug durch die Wüste zu radeln, aber wie bitte kann man HIER sesshaft werden?? Und dann gleich eine ganze Stadt! (die weissen Puenktchen in der Ferne sind die Stadt!)

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Heute ist unser Glückstag! Wir dürfen unsere mittägliche Flucht vor der Sonne in einem Zimmer eines Gasthauses verbringen. Zwei Betten für uns! 🙂 Nach dem erholsamen Schlaf ist der Himmel total bedeckt. So fein!! Schönes Wetter ist hier anders. Auch der Fleckerlteppich hat ein Ende und wir düsen begeistert auf bestem Asphalt dahin. Endlich Zeit zum herumschauen und Landschaft geniessen.

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IMG_1416Nach Shetpe wird es einsamer. Täglich begegnen wir nur noch einer handvoll Lkw’s. Je nach Sonnenstand bringen die Lkw’s für bis zu einer halben Sekunde wohltuenden Schatten und je nach Windrichtung viel Sand und Staub.

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Die 70km ohne Wasser und Versorgungsmöglichkeit vergehen Dank der einmaligen Strasse wie im Flug. Ansonsten gibt es alle 35-50km ein sogenanntes Chaihana (Teehaus) in dem man zu Essen und Trinken bekommt. Die Chaihanas sind meist die einzigen Schattenspender. Und nicht nur wir verbringen in ihnen die hitzigen Mittagsstunden.. auch der ein oder andere LKW-Fahrer schlummert ein Ruendchen im guten Stuebchen..

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Dann hört der Asphalt plötzlich ganz auf. Steine und Staub. Sand kann man das hier nicht nennen, so fein und klein sind die ‚Körner‘, die keine Körner mehr sind. Wir schlafen mal über die neue Situation und geben uns die Mühsal morgen..IMG_2417    IMG_2311Staub und Steine warten noch immer geduldigst auf uns. Na geh.. Und die eine oder andere Unebenheit der Wüste.

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Um 9 Uhr kommen wir an einem einsamen Chaihana vorbei. Wir essen unser erstes Mittagessen. Dann geht es langsam und rüttelig weiter. Ab und zu können wir ein Stückchen auf die sich noch in Arbeit befindliche neue Strasse ausweichen. Sehr erholsam! Nach insgesamt um die 50km Piste fängt die Asphaltstrasse wieder an. Eine Wohltat für die Seele! Kurz darauf kehren wir zum zweiten Mittagessen ein. Eine weitere Wohltat für die Seele und unseren Zuckerspiegel. Gemüsesuppe mit Nudeln und Pferdefleisch. Dazu Reis mit Pferd. Zwischen den vielen Mittagessen gibts Wasser angereichert mit Salz und Zucker. Reines Wasser richtet gegen unseren Durst nicht mehr viel aus. 8 bis 10 Liter trinken wir täglich. Wieviel Gramm Zucker berechnen wir lieber nicht, sonst wird uns nachträglich noch schlecht.. 😉
Sogar Claudi wird hier zum Softdrink-Junkie. (Bis jetzt habe ich Cola, Sprite und dergleichen erfolgreich verweigert. Tja, die Wüste verändert so manches in einem Menschen..)

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Dörrzwetschken in Salzkruste. Das sind wir. Dunkel, fast schwarz von Sonne, Staub und Dreck. Eingehüllt in einen Salzmantel und knusprig angeröstet. Ausgetrocknet und verrunzelt. Durch die Handposition am Lenker bleiben unsere Falten am Handgelenk weiss – ergibt eine hübsche feine Zeichnung und hoffentlich beim Absteigen vom Radl keinen Faltensonnenbrand..

Grindig bekommt eine neue Dimension. Sauber ist relativ. Unsere Sandalen sind schon weiss vor Dreck. Ja, auch sowas lustiges, hier wird alles weiss vor Dreck statt schwarz.. Unsere T-Shirts sind weissgeschwitzt und auch unsere Hosen könnten schon lange zur Salzgewinnung herangezogen werden..

Schon wieder müssen wir Nägel schneiden. Dann sind wir wohl schon eine Woche unterwegs seit dem Schiff. An so Dingen wie wachsenden Nägeln merken wir wie schnell die Zeit vergeht. Tage haben Namen? Das ist schon lange vergessen. Irgendwo dämmert es uns noch, dass die Tage durchnummeriert sind.. komische Sache..

Noch viel viel komischer ist der Besuch den wir am Abend bekommen. Eine Gelse. Was bitte macht eine Gelse in der Wüste??

Die letzte kurze Wüstennacht geht zu Ende. Wir radeln dem Sonnenaufgang entgegen. Ein gar nicht netter Gegenwind erschwert uns die letzten Kilometer nach Peyneu. Die Strasse wechselt zwischen gutem Belag und stark zerfetzten Asphaltresten. Wir queren ein besseres Rinnsaal. Von wo das Wasser kommt? Keine Ahnung. Aber jetzt ist uns klar von wo die Gelse kam! Ein paar Meter links und rechts von dem kleinen Bacherl ist es saftig grün. Dann sieht man dem Boden schon nicht mehr an, dass es Wasser gibt.

Endlich erblicken wir in der Ferne die ersten Häuser. Ein erleichtertes Lächeln breitet sich aus. Wegen der weiten Fernsicht zaht sich die Strecke dann aber umso mehr. Scheinbar schon da und trotzdem bleibt die Distanz zwischen dir und dort. Als würde der Ort, sich lustig machend und zungezeigend, vor dir davonlaufen. Ein gemeines Spiel bei diesen Temperaturen! Schliesslich haben wir den Ort gemeinsam überlistet und uns still und heimlich in den Gassen versteckt.

Es regnet! Es regnet! Helle Begeisterung!! Niemand flüchtet vor dem Regen. Alles bewegt sich einfach weiter. Die Frau vom Supermarkt setzt sich mit ihrem Sessel auf die Strasse. Wir geniessen die kühlen Tropfen. Herrlich!

Die Staubschicht am Radl ist leider zu dick, als dass sie mit den paar Tropfen schon weggespühlt wäre. Wir finden einen offenen Wasserhahn für unsere Räder und mieten eine Hoteldusche für uns. Dann geht es so sauber wie schon lange nicht mehr auf zum Bahnhof..

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